Sind wir ein Volk der Beratenen?
Im Kölner Stadtanzeiger gibt eine regelmäßige Kolumne (Mein Standpunkt) in der Leser ihre Meinungen darstellen können. Heute (5.1.10, Seite 18) äußerte sich jemand sehr interessant über Ratgeber. Unser Leben ist anscheinend voll davon. Fast jeder hat einen Steuerberater. Da ca. ein Drittel aller Steuerbescheide falsch sind, macht es Sinn, sich hier einen Experten zu leisten. Doch es geht munter weiter mit den Beratern: Schwangerschaftsberatung, Studienberatung, Wertpapierberatung, Unternehmensberater, Fitnessberater, Trainer und Coaches. Wer keinen Berater hat, kauft sich einen. Gehen Sie einmal durch eine große Buchhandlung und Sie finden meterweise Ratgeber zu allen möglichen und unmöglichen Themen. Geben Sie bei Google nur mal das Stichwort „Ratgeber“ ein und Sie erhalten 27.500.000 Treffer. Selbst wenn Sie pro Site nur 1 Sekunden lesen würden, wären Sie 53 Jahre damit beschäftigt.
Sind wir inzwischen als Volk, als Republik, als einzelne Person soweit, dass wir nicht mehr in der Lage sind, selbst zu denken? Oder ist die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft so gestaltet, dass wir keine Zeit mehr zum selbständigen Denken haben? Oder ist die Vielfalt bei bestimmten Themen so groß geworden, dass manchmal auch der Berater den Überblick verliert?
Doch wo führt das hin? Der Weg zum Berater gleicht dem Weg zum Arzt. Die Beratung ist gleichsam die Tablette, die für alles hilft. Es muss schnell gehen, keine Zeit für Muße und Nachdenken. Ein „Tue dieses und mache jenes“ ist schnell eingeholt und umgesetzt. Doch ist es wirklich das richtige Mittel?
Ich glaube, wir sollten uns selbst wieder mit den Dingen beschäftigen, die uns angehen. Ein kleiner Überblick über Steuern schadet nicht; der Austausch unter Mütter zum Thema Schwangerschaft bringt viele Informationen und Erfahrungen ans Tageslicht. Im regen Austausch mit anderen Menschen erschaffen wir auch neues Wissen und Informationen. So machen wir uns selbst zu Experten und lösen uns von der gesamten Berateritis. Dazu benötigen wir nur etwas Zeit und etwas Besinnung. Passend dazu erschien in der Zeit (Ausgabe 1 vom 30.12.09, Seite 35) der Artikel „Muße braucht Zeit“.
Mein Ratschlag: Wir benötigen mehr Muße; wir benötigen in dieser hektischen Zeit ein Innehalten, ein Abwägen der Optionen; und erst dann die Entscheidung. Aber wir benötigen nicht unbedingt mehr Berater.
